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Den Geheimnissen des Kölner Festungsrings auf der Spur



Marienburg. Düster ist es hier und feucht und ein wenig unheimlich. Vor allen Dingen aber ist es sehr authentisch, wie Robert Schwienbacher, betont. Die Rede ist vom Zwischenwerk VIII b, das unmittelbar an der Abzweigung von der Rheinufer- auf die Militärringstraße liegt. Der Key-Account-Manager hat sich seit vielen Jahren mit Leib und Seele der Erforschung des Festungsbaus verschrieben. So war es fast zwangsläufig, dass er auch eines Tages ein eignes Betätigungsfeld dafür erhielt. „Für eine kleine Miete“, wie er sagt, hat die Stadt ihm beziehungsweise dem von ihm gegründeten Verein crifa (Cologne Research Institute of Fortification Architecture) das militärische Bauwerk aus dem Jahr 1876 vermietet. Seit etwa 2002 werkelt er hier zusammen mit einigen Aktiven der insgesamt 65 Vereinsmitglieder jedes Wochenende. Ziel ist es, es wieder in seinen Originalzustand zurückzuversetzen. Dass ihnen das schon ein gutes Stück weit gelungen ist, erkennt jeder, der das heutige Festungsmuseum an einem der beiden Öffnungstage in im Monat besucht.

Das Zwischenwerk ist Teil des äußeren Festungsbaurings, den die Preußen von 1870 bis zum Ende des ersten Weltkrieges errichteten, wie Schwienbacher erzählt. Zu den über 180 Anlagen gehörten 12 Forts, die mit 23 Zwischenwerken, Infanteriestützpunkten sowie diversen Infanterie-, Artillerie-, Munitions- und Wachträumen zu einem 42 Kilometer langen Festungsring auf beiden Rheinseiten jeweils mit Straßen (links die heutige Militärring-, rechts die Ringstraßen) zur Versorgung verbunden waren. Diese wiederum waren hinter einer Hainbuchenhecke verborgen und der Bereich vor dem Gürtel musste über einen Kilometer unbebaut bleiben. Hier durfte laut Schwienbacher kein Baum, Strauch oder Bauwerk höher als 30 Zentimeter sein, damit der anrückende Feind rechtzeitig gesehen und beschossen werden konnte.

Vor Bau des äußeren Festungsrings hatten die nach den napoleonischen Kriegen nach Köln eingezogenen Preußen ab 1815 den inneren Festungsring mit elf Forts auf der rechten und drei Forts auf der linken Rheinseite zum Schutz gegen Frankreich gebaut. Da sich die Stadt aber schnell ausbreitende, wurde dieser Ring, der etwas größer war, als die im Jahr 1881 endgültig geschleifte Stadtmauer, bald zu klein. So wurde der äußere Ring in einem Radius von 6,5 Kilometer um den Dom in einem Ausmaß von insgesamt 160 Quadratkilometern erbaut. In den Ziegelbauwerken sollten insgesamt 52 000 Soldaten und 6 000 Pferde Platz finden. Noch bis 1907 wurden die Anlagen, die laut Schwienbacher höchste Festungsbaukunst waren, teilweise umgebaut und verstärkt. Denn bis dahin war das Dynamit erfunden worden, was die „Brisanzgranatenkrise“ hervorrief.

Ein Meter dick war jeweils die Sand- und die Betonschicht, mit denen die Anlagen ab Ende des 19. Jahrhunderts „brisanzgranatensicher“ gemacht wurden – eine Geldverschwendung riesigen Ausmaßes, denn genutzt wurden sie nie. „Köln spielte im ersten Weltkrieg keine Rolle“, begründet Schwienbacher, warum die Forts und Zwischenwerke lediglich zu Wach- und Übungszwecken besetzt wurden. Und schon ab 1919 musste alles gemäß dem Versailler Vertrag wieder geschleift werden. Die militärischen Anlagen wurden gesprengt, die Innenhöfe der Forts verfüllt. Auf Betreiben des damaligen Oberbürgermeister (OB) Konrad-Adenauer wurden sie zu Rosengärten, Sportstätten und Freizeitanlagen umgebaut – der Grüngürtel entstand.

Das Zwischenwerk VIIIb jedoch hatte Glück. Hier sollte laut Schwienbacher eigentlich eine Restaurationsanlage mit Blick auf den Rhein entstehen. Durch einen Schriftwechsel des OB hatten sich die Schleifungsarbeiten hingezogen bis die Engländer abgerückt waren und so blieb einiges erhalten, was es sonst in Köln nicht mehr gibt. Dazu gehört etwa die Kehlkaponniere - ein befestigter Raum, der aus der Anlage herausragt, damit von hier der ebenfalls noch erhaltene umlaufende Graben „bestrichen“, „der militärische Ausdruck für beschießen“, erklärt Schwienbacher, werden konnte. Besonders stolz ist er auch auf die einzige erhaltene und noch dazu funktionsfähige Zugbrücke. „Das ist unser Schmuckstück“, sagt er. Nicht nur das vier Tonnen schwere Ungetüm können die Besucher des Festungsmuseums bestaunen, auch den in mühevoller Kleinarbeit von den ehrenamtlichen Betreibern des Museums wieder freigelegte Ziegelboden etwa in der früheren Küche.

Dort wartet auch ein von Hand ausgeschachteter, inzwischen über vier Meter tiefer Brunnen auf neugierige Blicke. Denn auf dem Brunnengrund liegt, wie es sich gehört, ein Skelett - „unsere Kinderattraktion“, schmunzelt Schwienbacher. Den Brunnen möchte er noch tiefer wieder auf Grundwasserniveau ausschachten. Was dabei gefunden wird, etwa Scherben von einem Villeroy und Boch-Bierkrug aus Anfang des 20. Jahrhunderts aus Bonn, verrostete Emailleteller oder Glasfläschen, wird in Vitrinen ausgestellt. Derzeit arbeiten die Vereinsmitglieder, die eigens für den Betrieb des Festungsmuseums noch einen entsprechenden Verein gründeten, an der Wiederherstellung der Latrinen (alter Begriff für Toiletten oder Waschraum).

„Hier waren nach dem Krieg Notwohnungen eingerichtet und auch eine Zahnpastafabrik gab es mal hier“, erzählt Schwienbacher davon, dass er und seine Mitstreiter die später errichteten Wände Stein für Stein wieder entfernen. Die alten Schwarzpulverkammern dienen indes schon der Ausstellung von historischen Bildern und dort vorgefundenen Geschossen. Wer das Museum besuchen möchte, sollte sich allerdings warm anziehen, denn „hier herrscht 99-prozentige Luftfeuchtigkeit“, sagt der Festungsforscher.

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